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Morgenluft für die KrawatteTotgesagte leben bekanntlich länger. Was sich für Personen der Zeitgeschichte immer wieder bewahrheitet, wie ein Blick in die Regenbogenpresse zeigt, gilt für Modetrends erst recht.
Einer dieser Trends ist die gute alte Krawatte. Was wurde sie nicht geschmäht in den letzten Jahren. Einst als unverzichtbares Accessoire des Mannes von Welt gefeiert, wurde sie bald als „Bankstrick“ verschrien, bald als Zeichen des spießigen Establishments gebrandmarkt. Auch Versuche, durch Entgleisungen wie extrem schmale Lederkrawatten oder gar Holzbinder die Krawatten wieder zum allgemeinen Bestandteil der Garderobe zu machen, schlugen fehl.
Praktisch hat sich die Krawatte streng genommen überholt. Denn ihr ursprünglicher Zweck, das Verdecken der Hemdknopfleiste, ist nicht mehr nötig, da uns heutzutage das Hemd nicht mehr als Unterwäsche, sondern als Oberbekleidung gilt.
Ihren Status als soziales Kleidungsstück verlor die klassische Krawatte ohnehin. Bereits 1990 stellte der italienische Modeschöpfer Gianni Versace fest: „Die Krawatte ist kein Symbol für Gesellschaftsfähigkeit mehr. Jeder Bandit trägt sie.“
Während sich, gerade im Finanzsektor, über diesen Ausspruch sicher diskutieren lässt, überlebte die Krawatte allen Unkenrufen zum Trotz. Aber noch mehr als das: Sie ist geradezu wieder im Aufwind. War der offene Hemdkragen noch vor wenigen Jahren beherrschend im Straßenbild, sieht man heute wieder mehr krawattengeschmückte Krägen. Selbst im Firmenbereich, wo die Welle des „Business Casual“ den klassischen Binder weitestgehend verdrängt hatte, kehren immer mehr Unternehmen inzwischen zu traditionelleren Kleidungsstilen zurück.
Am deutlichsten wird dieser Trend aber da, wo man ihn am wenigsten erwartet. Nach den Opernhäusern, Theatern und Nobelrestaurants erobert die Krawatte inzwischen nach und nach auch die Diskotheken. Wenn selbst feiernde Jugendliche sich ohne jeden Zwang zum Feiern eine schmale schwarze Krawatte umbinden, nicht um einer Konvention zu genügen, sondern weil sie gut aussieht, dann kann von einer Krise der Krawatte überhaupt keine Rede sein.
Und gerade dies ist der Punkt: Die Krawatte als vorgeschriebene Uniform mag sich überlebt haben. Aber gerade dadurch wird sie als Schmuck erst interessant. Denn nun kann man mit Krawatten seine Individualität zum Ausdruck bringen.
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